MATER MELAHAT

Wein geöffnet, Türen getrunken, 061125


Elf ist meine Lieblingszahl, und es ist endlich November. Ich habe zu viel Wein getrunken, an einem Ort, der sich anfühlte wie die Schule. Die Schule, in der du pickelig und nichts verstehend, vor allem dich selbst nicht, immer am gleichen Platz saßest und nicht begriffst, was du mit dieser Wucht an Leben anfangen sollst. Deine Sicht ist stets getrübt, und du fragst dich, wann endlich jemand den Scheibenwischer einschaltet. Ein merkwürdig melancholischer und zugleich gemütlicher Ort. Mir war warm, mein Gesicht gerötet, wie das Rotbäckchen auf den Flaschen, die ich als Kind so gern getrunken hätte, aber nie bekam.

Auf dem Heimweg fiel mir auf, dass die Bäume sich bereits entkleiden und ich endlich wieder den Himmel sehen kann, eingerahmt und zerrissen von schwarzen Ästen. Ich atmete Nebel aus und Rauch ein, verwandelte den bröseligen Tabak im Papier in weiße Luft. Das Einzige, das ich stets verändern kann. Meine Hand wird gewärmt, und ein Daumen streicht über meine Haut. Mir fehlen die Bäume und die Stille. Der Weg war befreit von diesem unablässigen Dröhnen, das stets zuhause herrscht: das Summen im Hintergrund, addiert aus Autobahnen, Flughäfen, Straßenbahnen, Menschenmassen, die niemals ruhen. Ich ruhe oft, und doch fühle ich mich kaum ausgeruht. Ich finde sie nur bei ihm, wärme mich in seinem Licht und trauere, weil er sein eigenes nicht spürt. Draußen kleidet sich der Himmel wieder aus. Ich sehne mich nach der Kälte und der Dunkelheit des Winters, sabotiere mich selbst und verweile Tage lang im stickigen Zimmer, in der Wohnung, in der ich nicht mehr willkommen bin, denn ich muss sie mit einem Ghul teilen, der immer auf der Lauer liegt. Die Wohnung ist von einem braunen Schlamm versickert und die Pestluft kriecht durch die Flure, findet mich selbst hinter geschlossener Tür.

Ich behalte vieles hinter geschlossener Tür. Mein Vater pellte Granatapfelkerne aus der harten Schale, erwischte jeden einzelnen, entfernte die gelbliche Haut aus der Schüssel, denn obwohl sie dem Körper guttäte, mochte ich sie nicht. Er bereitete mir spezielle Sandwiches zu, mit Ananas und türkischer Wurst, ließ sie im Backofen anschmelzen, stellte die Uhr jedes Mal genau auf sechs Minuten. Er schnitzte Maronen für mich und schälte sie sorgfältig. Sollte sich die Schale nicht lösen, gab er mir eine von seinen. Wer war dieser Mann? Und wohin verschwand er dann plötzlich? In mir existiert ein schwarzes Loch, das durch kleine Sonnenstrahlen erhellt wird, wenn ich an seine seltene Fürsorge denke. Wie kann ich das schwarze Loch rechtfertigen, wenn er mir diese pure Art der Liebe offenbarte? Mein Hals schnürt sich zu, die Schuld drängt sich zwischen meine Augäpfel. Manchmal fällt mir kein Hass mehr ein, keine Vernachlässigung, keine Beleidigung. Ich habe Angst, dass dieser Zustand anhält, denn dann bin ich der Wolf und ich trage die Schuld dafür, dass er mich nicht wahrnimmt. Nicht mehr wahrnimmt?