Wie man sich auf die Wohnunglosigkeit vorbereitet, 291125, Lo48, 20:24
Es ist mein letzte Abend in der WG und ich verbringe ihn im Dunkeln, unter drei Bettdecken, nur geschützt vor dem grellen Licht meines IPads. Ich scrolle endlos und lausche dem Gespräch in der Küche, die direkt an mein Zimmer grenzt. Ich höre freudige Stimmen, Lachen, ein gelegentliches Schnaufen. Meine Hände frieren, weil die das Einzige sind, was aus meinem Berg aus Wärme hervorschaut. Ein konstantes Gefühl von Beklemmung schleicht sich in mein Herz. Sollte ich den letzten Abend zelebrieren? Ihn genießen? Bei meiner Freundin in den Armen liegen und melancholisch Erlebnisse zum Leben erwecken?“Warme Stunden vor dem Fernseher, gewaffnet mit Zucker und Salz; sommerliche Abende auf der Dachterrasse, meine Liebsten um mich Herum und mein Herz ganz voll, strahlende Tage auf dem Balkon, während meine Haut das Vitamin D einsaugt“
Schritt 1:
Schlafen.
Schlafen, um sich vor der Arbeit zu drücken,
Schlafen um sich vor Konversationen zu drücken,
Schlafen um nicht mehr so müde zu sein.
Schritt 2:
Packen.
Aber so langsam und kleinteilig, dass es wirkt, als würde es niemals enden. Du faltest seit 3 Wochen Kartons und füllst maximal einen am Tag. Damit du „etwas zu tun“ hast .
Schritt 3:
Ignorieren, dass du neben dem Auszug eigentlich auch noch so viel anderes „zu tun“ hast.
Du lässt die Uni schleifen, du triffst dich nicht mehr mit Freunden, du siehst deine Familie nicht mehr. Überall gefrieren ungelöste Konflikte, dein Umfeld gleicht dem einer neubebauten Großstadt. Du hast das Gefühl, niemand ist emphatisch, hilfsbereit oder sorgend genug. Du versinkst In Selbstmitleid.
Schritt 4:
Dich für dein eigenes destruktives Verhalten anekeln.
Dir ist übel und du spürst das Achterbahngefühl in der Magengegend.
Schritt 5 (kommt eigentlich vor Schritt 1):
Du suchst dir einen Schlafplatz für die Zeit.
Du hast das Glück ihn zu haben. Du sprichst mit einzelnen Person darüber und sie verstehen dich.
Schritt 6:
Versuchen es mit Humor zu nehmen?
Du machst ganz viele Witze darüber und lachst.
Schritt 7 (der geht erst, wenn du weißt, dass es nur vorübergehend ist):
Du entspannst dich.
Oder du sagst mehrmals in deinem Kopf dass du dich entspannen sollst, schaffst es aber nicht, weil du immer noch Gelächter aus der Küche direkt neben deinem Zimmer hörst. Du fragst dich
A Was so verdammt lustig ist und B Warum du in diesem Haus nicht mehr erwünscht bist.
Ich habe neulich einen Film gesehen. Zwei Freundinnen, die zusammenwohnen. Beim Abschied weinen sie so heftig, dass ihre Tränen die Schultern der anderen durchnässen. Ich wünschte, so wäre es bei mir. Doch der Ghul hat sich in diese vier Wände geschlichen. Er hat das Licht verschluckt, das mir früher die Haare gekitzelt hat. Und ich stehe nun da und versuche, die schönen Erinnerungen aus dem Schatten zu schälen wie Früchte aus zu dicker Schale. Ich möchte erzählen, wie toll die Erfahrung war; meine Zwanziger, mein erstes eigenes Zuhause. Ein Jahr und neun Monate in der WG auf der Lo. Jeden Tag eine meiner besten Freundinnen um mich. Die Freiheit, selbst zu entscheiden, wann ich rausgehe, wann ich zurückkomme, was der Kühlschrank hergibt, wie ich mich einrichte. Mein Kabuff gemütlich und warm, die Wände sind verziert, überall gibt es etwas neues zu entdecken.
Jetzt ist es kahl und kalt. Zwölf Kartons haben ausgereicht, um meine gesamte Existenz einzupacken. Alles, was ich besitze und was mir wertvoll ist, in zwölf Pappkartons, die schon mindestens dreimal andere Existenzen getragen haben. Wenn ich daran denke, was hätte bleiben können, kocht die Wut in mir wie in einem Hexenkessel. Wut, weil ich beim Abschied merke, wie laut das Schweigen geworden ist, während alle anderen lachen, in der Küche neben meinem Zimmer.